Praxis Schönebaum & Mehrtens
Stress und Angst verstärken Stottern
 
Autorin: Karla Mehrtens
 
Stottert ein Kind, so machen sich Eltern Gedanken und Sorgen. Nicht selten entstehen Schuldgefühle und Zukunftsängste. Das Image des Stotterers ist in unserer Gesellschaft negativ geprägt und mit Vorurteilen behaftet.
 
In den Medien ist ihm oftmals die Rolle des Dummen und Einfältigen vorbehalten.
 
Neu: Vorab sei gesagt, dass Eltern nicht schuld sind , wenn ihr Kind stottert. Sie können aber wesentlich Einfluss nehmen auf einen positiven Verlauf bis hin zur Überwindung der Störung.
 
Die Ursache der Redeflussstörung Stottern ist wissenschaftlich nicht umfassend geklärt. Man geht davon aus, dass eine zentrale Funktionsstörung der Sprechmotorik vorliegt, auf der Basis einer genetischen Disposition.
 
Auslösende Faktoren können psychische oder soziale Entstehungszusammenhänge haben, wie zum Beispiel die Geburt des Geschwisterkindes, die Trennung der Eltern, ein Krankenhausaufenthalt.
 
Als aufrechterhaltende Faktoren gelten innere und äußere Stressoren; zum Beispiel ein Tagesablauf mit Hektik und Zeitdruck, Konkurrenz zum älteren Geschwisterkind oder ähnliches.
 
Neu: Es kann aber auch sein, dass ein Kind ohne erkennbare Ursache eines Tages, in der Regel zwischen dem 2. und 6. Lebensjahr, zu stottern beginnt. In dieser Phase der kindlichen Sprachentwicklung zeigen viele Kinder physiologische Redeunflüssigkeiten. Fachleute können sie vom echten Stottern abgrenzen. In beiden Fällen ist es bedeutend für das Überwinden der Störung, dass das soziale Umfeld, das auffällige Sprechen nicht verstärkt.
 
Mit zunehmendem Störungsbewusstsein beginnt die Angst vor dem Stottern. Dies kann zu einem regelrechten Angstkreislauf führen. Die Betroffenen fühlen sich durch die Sprechstörung so eingeschränkt, dass sie ihr Leben nach dem Handicap ausrichten.
 
Wörter, Gespräche, Situationen werden gemieden, Wünsche und Begabungen zurückgestellt. Langfristig kann das zu einer Störung der Kommunikation und zur Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung führen.
 
Stottern ist allgemein anerkannt keine Krankheit. Bei ungünstigem Verlauf kann es aber den Charakter einer psychischen Krankheit annehmen.
 
Therapieinhalte setzen grundsätzlich ganzheitlich an. Neben Atmung, Stimmeinsatz, Sprechgeschwindigkeit, Artikulation geht es auch um die psychosoziale Befindlichkeit.
 
Für Kinder kann eine Stottertherapie besonders wichtig sein. Sie leiden, wenn Mitschüler sie hänseln oder ausgrenzen. Ziel ist es, das Selbstbewusstsein zu stärken, mögliche Ängste abzubauen und flüssiger zu sprechen. Das beratende Gespräch mit Eltern und Lehrern ist ein weiterer Bestandteil der Therapie.
 
Stottern lässt sich nicht mit Garantie heilen, aber es lässt sich bewältigen. Dass Stotternde im Prinzip jeden Beruf ergreifen können, zeigt sich an berühmten Stotterern, wie Winston Churchill, Isaac Newton, Bruce Willis oder Marilyn Monroe.
 
(Braunschweiger Zeitung, 12.09.2006)

 
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